Zum Hauptinhalt springen

Jente Posthuma: „Woran ich lieber nicht denke“

Jente Posthuma, ihr Roman ist preiswürdig

Die niederländischen Autorin Jente Posthuma berichtet so beiläufig wie humorvoll, so emotional wie lakonisch über Verlust, Einsamkeit und nicht enden wollende Trauer. Woran ich lieber nicht denke (Waar ik liever niet aan denk), Posthumas zweiter Roman, ist ein außergewöhnlicher Text, der viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren bietet.

Die Twin Towers des World Trade Center (WTV) in einer Julinacht 2001. Für die Schwester eine Metapher für das Zwillinspaar. © wikipedia„Mein Bruder war weg und mit ihm meine gesamte Vergangenheit. Ich kam nirgendwoher und ging nirgendwohin.“ Sie sind Zwilling, das Mädchen eine dreiviertel Stunde später geboren als der Bruder. Deshalb nennt er sich Eins genannt und sie ist Zwei. Sie sind 35, wenn der Bruder sein Leben aufgibt. Dass die Mutter den Sohn bevorzugt und in den Himmel lobt, muss in dieser immer noch männerdominierten Welt nicht eigens erwähnt werden. Der Icherzählerin macht das nichts, sie hängt an ihrem Bruder, er ist auch ihr Ein und Alles. Solange sie Kinder sind, planen sie auch ihr zukünftiges Leben gemeinsam, träumen von New York und sitzen eng beieinander vor dem Fernsehschirm, um der Familie Robinson zuzusehen, wie sie sich durch das Leben kämpft. WTC_Zwilingstüme nach dem 11. September 2001: Wenn einer fällt, stürzt auch der andere. © Robert on Flickr / wiki
Doch je älter die Geschwister werden, desto deutlicher lockert sich das Band zwischen ihnen. Es ist der Bruder, der mehr Zeit für sich alleine haben will. Seine Schwester dringt nicht mehr zu ihm durch, je enger sie sich an ihn drückt, desto immer zieht er sich zurück. Immer tiefer sinkt der Bruder in seine Depression. Er will und kann nicht mehr leben und bringt sich um. Die Schwester fühlt sich verraten und alleingelassen und auch schuldig. Wieso  hat sie ihm nicht geholfen, was hat sie alles nicht von ihm gewusst? Immer wieder macht sich die Schwester Vorwürfe, nicht nur ihre Vergangenheit ist weg, auch die Gegenwart ist nicht mehr präsent.  Sie zieht das imaginäre Beisammensein mit dem nicht mehr vorhandenen Bruder, der Gesellschaft ihres Mannes, Leo, vor.  Viel Gefühl hat sie für Leo nicht aufgebracht: „Er war ein Mann, bei dem ich nicht zu schrumpfen brauchte.“ In der Familie wird gesammelt. Der Vater sammelt Farbdosen, der Bruder Comichefte, die Schwester Wollpullover.  © de.freepik.comEin Mann, der „genug Raum hatte," Seit es den Bruder nicht mehr gibt, kommuniziert sie auch mit Leo nicht mehr, ist kaum noch in der gemeinsamen Wohnung. Lieber verbringt sie ihre Zeit in der leeren Wohnung des verschwundenen Bruders, in der sie nichts verändert, als warte sie, dass er gleich bei der Tür hereinkommt.
Die Eltern haben den Zwillingen kein richtiges Marschgepäck für den Lebensweg mitgegeben. Sie waren  „Geologen schauten oft auf den Boden.“ In den Ferien sammelt sie Fossilien, später werden es Wollpullover. Mit 27 besaß sie hundertzweiundvierzig Pullover und sie stellte fest: „Es wurde Zeit in Therapie zu gehen.“
Doch Posthuma lässt ihre Erzählerin nicht im Tränenmeer versinken, sondern gönnt auch der Leserin immer wieder ein Lächeln. In die Trauer um den Bruder, in das Nahdenken über seine und auch ihre Obsessionen und die Schwierigkeit, wenn man sich in der Welt nicht zu Hause fühlt, mischt sich Heiterkeit und Ironie. Als Kinder schauten die Zwillinge am Sonntag im Fernsehen „Expeditie Robinson“, die niederändische Ausgabe der Reality-Show „Survivor“. © By Expedition Robinson / Fair use wiki
Der Roman setzt sich aus einer Fülle von Anekdoten, Metaphern und literarischen Vergleichen zusammen, ich habe das Gefühl, das Zwei (einen anderen Namen hat die Erzählerin nicht) sich selbst beobachtet und fröhlich über ihr Leben mit dem Bruder und auch ohne ihn plaudert. Sie erzählt von den Büchern, die sie, im Kindesalter gemeinsam mit dem Bruder, später alleine gelesen hat;  von Fernsehsendungen, die sie mit oder ohne den Zwilling gesehen hat; von ihrer Sammelwut und von ihren Recherchen im Internet über Zwillinge, den SS-Lagerarzt Arzt Josef Mengele. Je mehr sich von Leo entfernt, desto öfter erwähnt sie auch den Ehemann.   Sie lässt den Bruder nicht gehen, kann nicht loslassen und  fühlt sich schuldig an seiner Entscheidung. Der sanfte Sarkasmus in allem „woran sie lieber nicht denken will“ und es doch dauernd tut kann, nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie an einer massiven Trauerstörung leidet und selbst depressive Züge zeigt. Dass sie durch ihre neurotische Fixierung auf ihn, den nur wenig älteren Bruder immer weiter von sich weg und in die Enge getrieben hat, wird ihr nicht klar. Während sie über den Wert der Familie, die ihr nichts bedeutet, nachdenkt, fällt ein Satz, ein Merksatz: „Nicht nur in einem Happy End, auch im tragischen findet sich Schönheit und Trost.“  Die Namen im bekanten Seemannslied von den Männern mit Bärten haben die Zwillinge zu Jampiejoris verschmolzen. Jampiejoris wurde des Bruders Alter Ego. © pixabay.comDie Erzählerin legt ihn dem britischen Physiker und Mathematiker Freeman Dyson († 2020 mit 96 Jahren) in den Mund, dem sie in einer TV-Dokumentation von 1999 begegnet ist. In einer anderen Dokumentation des niederländischen Autors und Fernsehjournalisten Wim Kayzer († 2023 mit 77 Jahren) singt er im Vorspann ein altes Seemannslied, das die Kinder gerne nachsingen:

Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren / Müssen Männer mit Bärten sein / Jan, Piet, Joris und Corneel / Die haben Bärte, die haben Bärte / Jan, Piet, Joris und Corneel / Die haben Bärte, die fahren mit.

Die Kinder denken, es sind zwei Männer mit Bärten auf dem Boot: Jampiejoris und Corneel. „Jampiejoris wurde zu einem Alter Ego meines Bruders, das auftauchte, sobald er etwas Verbotenes tat.“ Ihm ist auch das Buch gewidmet. Buchumschlag. © Luchterhand
Für diese Erinnerungen, in denen Zwei lebt und die sie immer wieder mit lakonischen Kommentaren und trockenen Pointen aus der schwarzen Melancholie ins Licht hebt, gilt die von ihr zitierte Aussage Dysons. Sie ist es wert, wiederholt zu werden: „Nicht nur in einem Happy End, auch im tragischen findet sich Schönheit und Trost.“ Trost findet er, so erinnert sich Zwei, auch im Kontakt mit anderen, „wenn man es schafft, nicht nur an sich selbst zu denken, sondern an eine Gruppe von Menschen, mit denen man im gleichen Boot sitzt. Das ist tröstend, deshalb ist für mich die Familie von entscheidender Bedeutung.“ Für Zwei kommt die Erkenntnis: „Zu spät“. Nicht zu spät kommt die besonders warme Empfehlung, in Jente Posthumas Text einzutauchen.

Jente Posthuma: Woran ich lieber nicht denke / Waar ik liever niet aan denk, aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. 256 Seiten, Luchterhand 2025. € 22,70. E-Book € 17,99.