Stimmakrobatin Sofia Jernberg: "Pierrot Lunaire"

Es dröhnt die Ventilation, oder ist das schon Musik? Der Pianist im Klangforum Wien, dem tragenden Element der Aufführung von Arnold Schönbergs „Pierrot lunaire“ bei den Wiener Festwochen, bringt seinen ersten Lazzo an, animiert eine Zuseherin, auf der dem Klavier entwendete Tastenleiste zu klimpern, um ihr voll Abscheu auf die Finger zu klopfen. Die ersten Lacher sind sicher in Marlene Monteiro Freitas Variation von Arnold Schönbergs Melodram „Pierrot lunaire“, atonal, garniert mit Sprechgesang, aber noch nicht mit der Zwölftonreihe komponiert. Was einst, 1912, eine skandalträchtige surreale Träumerei war, ist nun ein Heidenspaß.
Soll sein. Das Publikum lechzt nach Unterhaltung.

Ditta Rudle
Der Tod schleicht über die Dächer (Oleg Soulimenko).

Ein tiefgehendes Erlebnis! Weniger makaber als fantastisch, ein Konzert, eine Performance, ein großartiges Bühnenbild. Für all das ist der bildende Künstler Markus Schinwald verantwortlich. Sein Blick auf die mittelalterliche Bilderfolge des „Totentanzes“ ist bei den Wiener Festwochen als „Dance Macabre" im F23 aufgeführt worden. Eine Auftragsarbeit, also auch eine Uraufführung am 4. Juni im F 23, die Schinwald für die Augen geschaffen und mit der Komposition von Matthew Chamberlain für die Ohren aufgewertet hat. Das Publikum, in die Mitte des Geschehens und des großartigen Tongemäldes platziert, durfte sehen, hören und fühlen.

Ditta Rudle
The Loose Collective in der Karaoke Bar.

Mit dem dritten Teil ihrer Trilogie über das Leben auf der Erde hat The Loose Collective die Serie „On Earth“ beendet. Vom Urknall über die Einzeller und Humanoiden ging es in Teil 1, „Feeding, Fighting and Fucking“ im Museumsquartier bis zum aufrechten Gang. In Teil 2, aufgeführt im WuK, leben die Menschen in steinzeitlichen Höhlen und lernen, das Leben durch Werkzeuge und Arbeit angenehm zu machen. Teil 3, in der Pandemie entstanden, gibt einen Blick in die Zukunft frei. In einer Karaoke Bar wird gesungen und getanzt. Premiere war am 4. Juni im WuK.

Ditta Rudle
"Glass Pieces" mit dem fulminanten Herrenensemble.

In der vierten Aufführung des mehrteiligen Abends, „A Suite of Dances“ überraschen einige Rollendebüts und, wie erwartet, zeigt sich das Corps de Ballet nun sicher im Takt. Keine Stolperer und Knieschnackler mehr, der erste Teil von „Glass Pieces“ in der Choreografie von Jerome Robbins schnurrt ab, obwohl er mangels rhytmischer Akzentuierung schwierig zu tanzen ist. Zählen, zählen, zählen, und das im gleichen Takt ist das Motto, wenn zur Musik Philip Glass getanzt wird.

Ditta Rudle
Eva-Maria Schaller: "Die Unbekannte aus der Seine". © Christopher Mavric

Der Tänzerin Hanna Berger (1910–1962) und ihrer Kunst widmet Eva-Maria Schaller ihren Online-Abend im Tanzquartier, „Recalling her Dance. A choreographic encounter with Hanna Berger“. Schaller setzt sich tänzerisch mit der Biografie Bergers und in dem damit eng verbundenen Werk auseinander. Vier Choreografien – die kurzen Solos „Krieger“, „Aufruf“ und „Mimose“ ein zarter Tanz, der für Schaller den Übergang zum Hauptstück, „Die Unbekannte aus der Seine“ bildet – geben in der Online Produktion einen Eindruck von Bergers Ausdruckskraft und Engagement.

Ditta Rudle
Rosige Aufrufe auf grünem Meeresgrund: Sanftheit und Kontinuität.

Das neue Album von Mermaid & Seafruit, das sind Magdalena Chowaniec und Markus Steinkellner, ist fertig, und das Duo nutzt die letzten Tage des ImPulsTanz Festivals, um die acht Songs in einer fulminanten Show vorzustellen. Heutig und romantisch zugleich ist diese rasante Stunde, in der sich sechs zoomorphe Gestalten aus der Märchenwelt im WuK die Seele aus dem Leib tanzen und singen.

Ditta Rudle