"Tight", Choreografie von Tainá Ferreira Luiz.

Ein Projekt, um Choreografie-Talente in der Compagnie zu entdecken und „jungen Choreografen“ eine Spielwiese zu geben, gibt es schon lange und in vielen Ballett-Ensembles. In Wien heißt die Vorstellung choreografischer Experimente seit diesem Jahr „Plattform Choreographie“. Die Premiere war als Matinee am Feiertag in der Volksoper angesetzt. Zwei Tänzerinnen und vier Tänzer haben sich auf die Plattform gewagt und mit Kolleginnen und Kollegen ihre choreografischen Ideen verwirklicht. Feiertag war’s, Sommerhitze herrschte,  zahlende Zuschauer:innen waren kaum zu sehen. Wer gekommen war – junges Volk,  Freund:innen, Kolleg:innen und alle, die mit dem Wiener Staatsballett in Verbindung sind –, zeigte mit Jubel und Applaus lautstark Begeisterung und belohnt damit auch den Mut, sich auf ein Metier einzulassen, das dem Tanz vorausgeht.

Ditta Rudle
"Encantado": Bunte Magie auf der Bühne.

Bedächtig rollen sieben Tänzer:innen einen farbigen Teppich auf der Bühne des Odeon Theaters aus. Eine Patchwork-Arbeit aus nicht festgenähten bunten Tüchern, die später in Kostüme verwandelt werden. Mit der neuen Produktion „Encantado“ macht die brasilianische Choreografin Lia Rodrigues / Companhia de Danças auf ihrer Europa-Tournee auch bei den Wiener Festwochen halt. Auf der Bühne toben die Tänzer:innen, danach tobt das Publikum auf der Tribüne.

Ditta Rudle
Meist im Hintergrund: Die fünf Paare in van Manens Choreografie.

Ein dreiteiliger Abend, wie ihn das Publikum liebt. Die Pausen sind länger als die Tanzstücke: Drei Choreografien aus dem Tanzarchiv, entstanden zwischen 1975 und 1992 von den Choreografen Hans van Manen, Merce Cunningham und der Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker, in der Volksoper vorgestellt vom Wiener Staatsballett unter dem Titel „Kontrapunkte“. Drei große Namen, drei interessante Werke, dennoch ist es nicht gelungen, die Volksoper zu füllen, die Ränge sind nahezu leer geblieben. Eine Premiere am Wochenden, dem Samstag vor Pfingsten, anzusetzen, von dem im ORF vollmundig behauptet wird, „ein Großteil der Österreicher ist auf dem Weg nach Süden“, zeugt von wenig Wertschätzung ­– für die Tanzkunst und auch deren Freund:innen.

Ditta Rudle
Vier Frauen singen und Tanzen, damit ihre Rituale lebendig bleiben..

Die alte Kultur, die, die Tänze, die Rituale dürfen nicht verschwinden. Die marokkanische Choreografin und Tänzerin Bouchra Ouizguen hat drei Frauen eingeladen, mit ihr zu singen und zu tanzen, damit das gefährdete Ephemere sich nicht gänzlich auflöst. Der Elefant ist nicht von ungefähr zur Titelfigur erhoben, auch er ist gefährdet, wenn nichts geschieht, sind Elefanten bald nur noch im Tiergarten zu sehen.

Ditta Rudle
Grupo de Rua mischt Tanz und Akrobatik. © Wonge Bergmann / Kampnagel

Bruno Beltrão und seine Straßengang (Grupo de Rua) sind bekannt für die Erweiterung von Hip-Hop und Breakdance zum Bühnentanz. Er unterlegt den mit Zitaten aus der Urban-Dance-Kultur garnierten Stücken politischen Inhalt. Tanz als Widerstand gegen Unterdrückung und Korruption des rechtsextremen Regimes Jair Bolsonaros. Beltrão / Grupo de Rua sind Kult, man muss ihnen zujubeln. Das Festwochenpublikum weiß das.

Ditta Rudle
Simon Schober, Desi Bonato, Felix Kislich, Chiara Bartl-Salvi spielen auf Zeit.

Sie spielen nicht nur auf Zeit, sondern vor allem mit der Zeit. Die Kompanie Freispiel hat die Zeit, die manchmal zu schnell, dann wieder zu langsam vergeht oder gar stehen bleibt, zum Thema ihrer Komödie gewählt. Mit neuen Darsteller:innen führt die Zeitreise auf Um- und Irrwegen keineswegs geradewegs ins Ziel. Das Kichern, Glucksen und Prusten des jungen Publikums begleiten die vier Spieler:innen für die gut bemessenen 60 Minuten des „Spiels auf Zeit“ im Dschungel Wien.

Ditta Rudle

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