Natasha Pulley, jung und erfolgreich. © bibliofreak.net

Natasha Pulley, jung und erfolgreich. © bibliofreak.net

Der goldene Rahmen und die filigranen Zeichnungen auf dem schwarzen Schutzumschlag signalisieren, dass dieses Buch etwas Besonderes ist. Natasha Pulley, die Autorin, war noch keine 30 als sie 2015 ihr Erstlingswerk veröffentlicht hat. Gleich ist sie für „The Watchmaker of Filigree Street“ im Rahmen der Betty Trusk Awards mit £ 5.000 belohnt worden. In den britischen Zeitungen haben sich Rezensentinnen und Rezensenten vor Entzücken über diese gemächlich erzählte rätselhafte Geschichte, die sich vor bald 150 Jahren abgespielt haben soll, geradezu überschlagen.

In diesem Bereich von London bewegt sich Thaniel zwischen seinem Arbeitsplatz und der Uhrmacherwerkstatt. © pbs.twimg.com / pinterestDas Jahr, in dem die Hauptperson, der etwas schüchterne junge Ire Thaniel Steepleton, zum ersten Mal das Geschäft des japanischen Uhrmachers in der Filigree Street betritt, ist an den historischen Tatsachen, die ein festes Fundament des Romans bilden, leicht feststellbar. So wird Thaniel im Nachtdienst durch eine Bombendrohung des Clan na Gael, einer Gruppe irischer Nationalisten, aufgeschreckt. In sechs Monaten, das wäre am 30. Mai 1884, würden sie alle öffentlichen Gebäude in die Luft jagen. Thaniel weiß also etwas, was die Mehrheit der Londoner*) aus Gründen der Panikvermeidung nicht erfahren soll. Doch der Uhrmacher in Filigree Street weiß noch viel mehr, denn er erinnert sich an die Zukunft und prüft die möglichen Szenarien. Solange die Zukunft nicht zur Gegenwart geworden ist, gibt es einige Möglichkeiten, wie sie aussehen könnte. Der Uhrmacher hat seinen Computer im Kopf und kann die verschiedenen Möglichkeiten gegeneinander abwägen. Thaniels Arbeitsplatz: das  Außenministerium. © wikipediaWenn man es genau nimmt, so baut der Uhrmacher auch seine eigenen kleinen Computer, die zwar nicht zum Rechnen gebraucht werden, doch durchaus ihren eigenen Willen haben und mit dem Innenleben aus Rädchen, Federn und Schrauben lediglich dem Amüsement dienen. Ein so sich autonom bewegendes Tier ist der Oktopus Katsu, der den menschlichen Hauptdarstellern mit seinen Streichen gerne die Show stiehlt. Katsu ist zwar analog konstruiert, doch agiert der wendige Krake im 19. genau wie eine künstliche Intelligenz des 21. Jahrhunderts. ,Ein seltsames Trio: der fantasievolle und geschickte Uhrmacher Keita Mori, der musikalische Telegrafist Thaniel und die ehrgeizige Wissenschaftlerin Grace. © Unbekannter Grafiker / pinterest Diesen begnadeten Uhrmacher, einen Japaner namens Mori, lernt der patscherte Held Thaniel durch einen Einbruch kennen. Doch hat der Einbrecher, Thaniel meint, es sei eine Einbrecherin, nämlich seine Schwester, die ihn besuchen wollte, aber nicht angetroffen hat, gewesen, nichts genommen, sondern etwas gegeben: Eine wunderschöne Taschenuhr. Thaniel rätselt eine Weile, von wo und von wem sie käme, bis er die Gravur auf der Innenseite des Deckels entdeckt: Name und Adresse des Herstellers sind nun bekannt, und was diese Uhr so besonders macht, erfährt Thaniel spätestens am 30. Mai 1884.
Auch wenn drei männliche Wesen, Thaniel, K(eita). Mori und Katsu, eine Hauptrolle im ebenso spannenden wie bezaubernden Roman spielen, so fehlte ohne Frauen doch ein wenig Curry in dem schmackhaften Gericht. Also trifft Thaniel auf Grace, eine junge Chemikerin, die zwar bereits studieren, doch mit zwei X-Chromosomen eine Bibliothek nicht ohne männliche Begleitung besuchen durfte. Weshalb Grace sich einen Hut aufsetzt und einen Schnurrbart auf die Oberlippe malt. Sie möchte in ihrer Doktorarbeit das Vorhandensein des Lichtäthers beweisen. Ein Lichtäther „ist die Substanz, durch die sich das Licht bewegt, wie Schall durch die Luft oder Wellen durch das Wasser“, erklärt Grace. Auch sie hat eine Uhr von K. Mori, und so kommen die drei, Thaniel hat im Haus des Uhrmachers ein Zimmer gemietet, zusammen. Plakat für die Uraufführung der Operette "Der Mikado" 1885 von Gilbert & Sullivan. Damit wurde auch Thaniels musikalische Karriere begründet. © wikipedia Thaniel will keinesfalls sein restliches Leben am Telegraphenapparat in einem Ministerium verbringen, er möchte Musiker werden, dank Moris Zukunftsbildern gelingt ihm das auch. Davor aber muss er sich zwischen Grace und Mori entscheiden. Soll er Graces Misstrauen Mori gegenüber teilen? Immerhin kann einer, der solch filigrane, komplizierte Uhrwerke bauen kann, auch Bomben herstellen. Mori kommt schließlich aus Japan, vielleicht ist er auch ein Nationalist. Vorerst aber wird geheiratet: Grace wischt ihren konservativen Eltern eins aus, indem sie den unbedeutenden Thaniel als Bräutigam vorstellt. Die Illustrated London News, das Nachrichtenmagazin der Londoner. In der ersten Nummer (hier die Frontseite) wurde auch über den Krieg in Afghanistan berichtet. © gemenfrei / wikipedia Und plötzlich steht die Liebes- und Spionagegeschichte still, weil die Autorin ihre Leserinnen nach Japan entführt, wo sie erfahren, wer Keita Mori wirklich ist und wie er in London gelandet ist. Dort geht es inzwischen immer verwickelter zu, bald sitzt Thaniel im Savoy Theatre am Klavier und übt seinen Part in Arthur Sullivans neuer Operette, Katsu wird von den Nationalisten missbraucht und Thaniel bekommt im Finale, nach einem nervenzerfetzenden Count Down, einen Orden als Lebensretter.
Wer dem literarischen Genre des Steampunk verfallen ist, wird auch bei Natasha Pulley Anklänge daran finden, doch verdoppelt die Autorin den Retrocharme, indem sie die Handlung direkt im 19. Jahrhundert spielen lässt. Pulley, die auch in Tokio studiert hat, zeigt eine deutliche Vorliebe für Japan und auch Kenntnis der fernöstlichen Kultur. Miniatur-Steampunk-Skulptur in Form einer Uhrwerkspinne aus Messing- und Kupferdraht von Daniel Proulx a.k.a: CatherinetteRings. © wikipediaNicht nur Bombendrohungen und japanische Intrigen machen den Roman lesenswert, auch die genaue örtliche und zeitliche Einordnung der Handlung bringt so manche Erkenntnis, und dass die Autorin darauf verzichtet, sämtliche Rätsel zu lösen und vor allem niemals deutlich ausspricht, wie sich letztlich das Verhältnis zwischen Thaniel und Mori gestaltet, nähren die Hoffnung, dass auch die anderen bereits erschienenen Romane von Natasha Pulley schon bei Jochen Schwarzer, dem Übersetzer des Debütromans, eingetroffen sind. Die abenteuerlichen und auch magischen Geschehnisse rund um die Filigree Street hat Pulley mit 27 fertiggestellt. Im Jahrestakt hat sie dann ihre nächsten Romane vorgelegt. Heuer im Mai ist ihr viertes Buch erschienen, Nationalismus und Japanismus sind abgehakt, in „The Kingdoms“ switcht ein Zeitreisender zwischen den Jahrhunderten.Spezieller Bchumschlag mit filigranem Design.  © Klett-Cotta
*) Gendern ist in diesem Artikel, der ja eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert, vielleicht wahr, eher gut erfunden, erzählt, obsolet, auch wenn mir die Geschlechtergerchtigkeit noch so sehr am Herzen liegt. Eine Königin auf dem britischen Thron hat die Frauen nicht automatisch zu gleichwertigen Mitgliedern der Gesellschaft gemacht hat. Zeitunglesen und Nachrichtenverbreitung blieb Männersache, und die bestimmten, ob die Ehefrau, Freundin, Schwester, Mutter eine Neuigkeit erfahren durfte oder unwissend bleiben sollte.

Natasha Pulley: „Der Uhrmacher in der Filigree Street“, „The Watchmaker of Filigree Street“, aus dem Englischen von Jochen Schwarzer, Hobbit Presse / Klett-Cotta, 2021. 448 Seiten. € 24,70. E-Book: € 18,99.