Die Time*Sailors sind wieder da. Bald liegt Meuterei in der Luft.

Die Time*Sailors sind wieder da. Bald liegt Meuterei in der Luft.

Sie sind wieder da, die Zeitsegler, und doch sind es nicht dieselben. Es sind eher ihre Kinder oder gar Enkelkinder, falls Zeitreisende über die Meere irgendwann Zeit finden, Nachkommen zu zeugen. Jedenfalls erinnern Setting und Musik im Odeon an die ersten Time*Sailors in den frühen 1990er-Jahren. Die Schiffsbesatzung ist jung und neu, doch nahezu alle Beteiligten der ersten Crew sind am Kai. „Time*Sailors – the Return“ erinnert im Odeon auf Einladung von ImPulsTanz an frühe Erfolge des Tänzers und Choreografen Bert Gstettner.

Die Männer brechen auf, um in See zu stechen. Als Anführer und Kapitän tanzt Choreograf Bert Gstettner selbst mit und erinnert sich an alte Zeiten. Viel hat sich geändert in den vergangenen 30 Jahren, doch dass Männer, junge Männer fern von der Mama, immer Kind bleiben, ist gleich geblieben. So turnen und spielen die heutigen Matrosen so energiegeladen wie ihre Vorväter.
Sie sind Schiff und Besatzung zugleich, schwimmen und rudern, hocken im Ausguck und stemmen sich gegen den Sturm. Einer ist über Bord gegangen, schwimmt jetzt in einer roten Tonne auf dem Meer, beherzt retten ihn die Kollegen. Woher sie kommen, wohin sie segeln, ist nicht ganz klar. Doch auch wenn sie vorhaben, in die Zukunft zu reisen, bleiben sie im Heute, vollführen die alten Rituale und rennen gegen die Wand, bis sie erschöpft sind. Die Ladung geht von Hand zu Hand bis unter Deck.
Am Ende landen sie in einer weit zurückliegenden Vergangenheit, das waren angeblich goldene Jahre. Doch der Song, mit dem sie sich verabschieden, ist traurig, der „Alabama Song“ von Bert Brecht. Nostalgie senkt sich als unsichtbarer Nebel auf die Bühne. Doch was fangen junge Matrosen, die das Leben noch vor sich haben, mit romantischen Gefühlen an? So ganz ernst nehmen sie deshalb auch den von Kurt Weill vertonten und vielfach gecoverten Abschied von der Liebe und der Suche nach der nächsten Whisky-Bar nicht. Aus der Tonne ruft der Ertrinkende um Hilfe.
Die Crew ist frisch, doch die Ausstattung ist original oder wieder hergestellt, die Toncollage von Klaus Obermaier und Robert Spour hat Obermaier für die „Rückkehr“ bearbeitet. Die Crew besteht aus Tänzern und Akrobaten und ist auch ohne Whisky unermüdlich, kräftig und behände, sie springen und rollen auf dem Deck, tanzen im Kreis und messen ihre Kräfte, jeder darf zeigen, welch ganzer Kerl er ist. Irgendwie ist dieses männliche Geprotze aus der Zeit gefallen, doch darum geht es ja. Die Zeit, die ist eben ein sonderbar Ding.

Anmerkung: Mit „Time*Sailors IV – The Return“ hat Bert Gstettner ein Stück Tanzgeschichte wieder auf die Bühne und einem neuen Publikum nahegebracht. Chris Haring, der in der Original-Crew getanzt hat, Ausschnitt aus "Grace Note", PHACE / Liquid Loft. © Haringnimmt diese Idee auf und hat gemeinsam mit dem Odeon die Reihe „Living Positions – Performing Arts Repertoire“ ins Leben gerufen. Wieder gezeigt werden soll eine Auswahl an herausragenden zeitgenössischen, in Wien entstandenen und auch international erfolgreichen Produktionen aus den Bereichen Tanz, Theater, Musiktheater und Performance. Premiere ist am 22. Oktober 2022 mit dem spartenübergreifenden Projekt von 2012 „Grace Note“. Komposition: Arturo Fuentes, ausgeführt vom Ensemble PHACE. Performance: Liquid Loft.

Bert Gstettner / Tanz*Hotel
Time*Sailors I, II, III: 1995–1998. Time*Sailors IV – The Return: 6. August 2022, Odeon im Rahmen von ImPulsTanz.
Choreografie, Text, Regie: Bert Gstettner.
Tanz / Performance-Crew: Łukasz Czapski, Marcin Denkiewicz, Kirin España, Bert Gstettner, Michael Gross , Elia Zahnd.
Original-Musik: Klaus Obermaier / Robert Spour. Musik 2022: Klaus Obermaier.
Original-Bühnenbild & 2022: Gernot Sommerfeld. Original-Kostüme: Heidemarie Bauer-Just, Supervision 2022: Hanna Adlaoui-Mayer.
Fotos ©: Laurent Ziegler | Bildrecht